Forum Gesellschaftspolitik

Sozialstaats-Radar 2026: Mehrheit setzt auf Solidarität

In der öffentlichen Debatte wird der Sozialstaat häufig als überholt dargestellt: Angeblich ist er in weiten Teilen ineffizient, zu teuer und schränkt eigenverantwortliches Handeln unnötig ein. Dieser Diskurs über mehr Eigenvorsorge spiegelt jedoch nicht die Präferenzen der Bevölkerung wider. Die Ergebnisse des
zweiten Sozialstaatsradars – zusammengestellt vom DGB und der Arbeitskammer des Saarlandes sowie der Arbeitnehmerkammer Bremen – machen deutlich: Der Wunsch nach einem starken Sozialstaat ist größer denn
je – wenn er funktioniert.

  1. Die Bevölkerung ist sozialstaatlicher als der politische Diskurs – Große Mehrheiten unterstützen
    solidarische Sicherungssysteme und lehnen eine stärkere Privatisierung sozialer Risiken ab:
    • 77 % wollen eine verpflichtende gemeinsame Rentenversicherung für alle Erwerbstätigen (50 %)
    bzw. für alle unabhängig vom Erwerbsstatus (27 %)

    • rund 60 % sprechen sich dafür aus, private Zuzahlungen im Pflegefall zu deckeln oder ganz abzuschaffen
    • ebenfalls rund 60 % wollen, dass mindestens acht Zehntel der Alterssicherung erfolgen, ohne
    dass man sich selbst darum kümmern muss. Dabei möchte knapp ein Drittel sogar eine komplett
    automatische Alterssicherung

    • durchschnittlich gewünschte Nettoersatzrate bei der Rente (gemessen am letzten Einkommen):
    71,1 % – also ein mit Blick auf Finanzierbarkeit, Historie und Sozialleistungen in vergleichbaren
    Ländern keineswegs überzogener Anspruch
  2. Sicherheit ist wichtiger als reine Kostendebatten – Beschäftigte sind bereit, höhere Beiträge zu
    zahlen, wenn stabile Leistungen garantiert sind. Offensichtlich ist den Menschen sehr wohl
    bewusst: Gute Leistungen kosten gutes Geld:
    • ca. 75 % der Beschäftigten wären bereit, höhere Beiträge zu zahlen, um Renten zu sichern
    • 62 % akzeptieren höhere Rentenbeiträge, wenn das Niveau stabil bleibt
    • weitere 12 % würden sogar deutlich mehr zahlen, wenn sich Leistungen verbessern
    • auch bei der Gesundheitsversorgung gibt es eine große Bereitschaft zu notfalls höheren Beiträgen
    – allerdings muss dieses System zunächst deutlich effizienter werden
  3. Generationenkonflikt bei der Rente existiert nicht – auch Jüngere wollen gesetzliche Rente:
    • überwältigende Bereitschaft zu höheren Beiträgen auch bei Beschäftigten unter 50 Jahren, deren
    Rentenbeginn oft noch in weiter Ferne liegt

    • größte Bereitschaft zu sogar deutlich höheren Beiträgen unter Beschäftigten unter 30 Jahren: 17 %
  4. Massive Unterstützung für Bürgerversicherung:
    • fast 80 % unterstützen ein gemeinsames System für Gesundheit und Pflege
    • selbst Mehrheit der Privatversicherten ist dafür
  5. Debatte um das Rentenalter geht an der Lebensrealität vorbei:
    • 57 % glauben, ihren Job höchstens bis 65 ausüben zu können
    • 74 % lehnen eine automatische Erhöhung der Regelaltersgrenze ab, selbst wenn die Lebenserwartung
    weiter steig