Im Rahmen eines Vortrags und Diskussion mit Hans Joas in der Katholischen Akademie in Berlin wurde kürzlich das aktuelle Buch „Universalismus, Weltherrschaft und Menschheitsethos“ vorgestellt. In seinem faszinierenden Buch folgt Hans Joas diesem Menschheitsethos in globaler Perspektive. Wann und wo ist es entstanden – und warum? Ist es eine Besonderheit der jüdisch-christlichen oder der westlich-aufklärerischen Tradition? Und wie hängt seine Entstehung mit der Geschichte imperialer Weltherrschaft zusammen?

In einer globalhistorischen Studie beleuchtet Joas die Entstehung und Entwicklung des moralischen Universalismus bis in die aktuelle Gegenwart.
Kernaussagen in Joas‘ Werk
- Abgrenzung vom Eurozentrismus: Joas argumentiert, dass der moralische Universalismus kein exklusives Produkt der jüdisch-christlichen oder westlich-aufklärerischen Tradition ist. Er zeigt auf, dass frühe Spuren universalistischen Denkens bereits in der Achsenzeit (ca. 800–200 v. Chr.) in verschiedenen Weltregionen zu finden sind, darunter im antiken Israel und Griechenland sowie in China und Indien.
- Historischer Zusammenhang mit Weltherrschaft: Ein zentraler Aspekt seiner Untersuchung ist der widersprüchliche Zusammenhang zwischen der Entstehung universalistischer Ethiken und der Geschichte imperialer Weltherrschaft. Joas fragt, ob ein Universalismus überhaupt ohne Imperialismus existieren kann und betrachtet den Einfluss von Reichsbildungen bis hin zu Kolonialismus, Faschismus und Kommunismus auf die Entwicklung des Menschheitsethos.
- Moralischer vs. politischer Universalismus: Joas unterscheidet zwischen einem moralischen und einem politischen Universalismus und betont, dass die christliche Religion eine ambivalente Rolle in dieser Entwicklung gespielt hat. Er kritisiert eine mögliche Vereinnahmung des Christentums für politische Zwecke.
- Globalgeschichte des moralischen Universalismus: Mit seiner Arbeit plädiert Joas für eine globalhistorische Betrachtung universalistischer Ideen, die über eurozentrische Perspektiven hinausgeht. Er liefert eine Genealogie von Werten und Normen, die als universell gültig betrachtet werden.
- Zukunft des Universalismus: Joas beschäftigt sich auch mit der Zukunft des Universalismus, insbesondere angesichts von Säkularisierung und Globalisierung. Er sieht die Möglichkeit, dass neue Formen des Universalismus entstehen, in denen Aspekte wie die Option für die Armen und für den Frieden eine stärkere Rolle spielen.
Kontext in Joas‘ Gesamtwerk
Die Auseinandersetzung mit dem Universalismus reiht sich in Joas‘ umfangreiche Forschungen zu Themen wie Religion, Moderne und Wertewandel ein. Seine Arbeiten über religiöse Erfahrung und die Macht des Heiligen bilden eine wichtige Grundlage für seine Analyse des Menschheitsethos. Er schließt damit an frühere Werke an, in denen er eine nicht-intellektualistische Religionstheorie nach Hegel und Nietzsche entwickelt hat.
Folgen Sie hier der Aufzeichnung der Veranstaltung in der Katholischen Akademie in Berlin: